Gefangen im Kreis
Meine 15jährige Enkelin Valeska hat mir angeboten, mir zu meinem 79. Geburtstag eine Geschichte zu schreiben. Nach einigem Überlegen habe ich ihr mein
Lieblingsgedicht "Der Panther" von Rilke geschickt. Und sie gebeten, sich in den Panther hineinzuversetzen und seine Gefühle zu beschreiben..
Hier mein Geburtstagsgeschenk; ich war ganz stolz und gerührt:
Gefangen im Kreis
Ich erinnere mich nur noch schemenhaft an das Leben davor.
An die dichte, grüne Wildnis, in der die Luft nach Freiheit roch und der Boden unter meinen Tatzen lebendig war. Damals war ich König meiner Welt – lautlos, stolz, wild.
Jetzt bin ich ein Schatten meiner selbst.
Der Käfig ist mein Gefängnis. Nein – mein ganzes Universum.
Gitter um mich, Gitter in mir.
Meine Schritte zeichnen einen endlosen Kreis in den Stein. Immer dieselbe Bahn, immer derselbe Rhythmus. Vor und zurück, Tag für Tag.
Mein Körper kennt diesen Weg besser als mein Herz den Klang der Freiheit.
Die Menschen kommen. Sie stehen da, starren durch das Gitter, zeigen mit Fingern auf mich.
Manche lachen. Andere schauen mitleidig. Aber keiner versteht.
Keiner sieht, was wirklich in mir lebt – oder gelebt hat. Für sie bin ich nur ein schönes Tier hinter Stäben. Ein Schauspiel. Ein Rätsel. Ein Bild.
Doch in mir tobt manchmal noch ein Rest meiner alten Kraft.
Ein kurzes Aufflammen. Ein Zucken in meinen Gliedern, als wollte ich losspringen – brechen, fliehen, leben.
Doch kaum ist es da, verlischt es wieder, wie eine Flamme, die keine Luft mehr findet.
Und dann ist da wieder nur der Kreis. Der Gang. Die Stille.
Mein Blick ist müde. Er gleitet über die Welt, aber er sieht nichts mehr.
Alles verschwimmt hinter den Gitterstäben, wie durch einen Schleier.
Ich träume manchmal vom Wald, vom Wind, von der Nacht.
Aber selbst meine Träume sind wie eingesperrt – leise, farblos, zerbrechlich.
Ich bin der Panther. Doch was ist ein Panther ohne Freiheit?
(Valeska Stütz, 16. Mai 2025)
und hier das Original:
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris